Matrosenhunde, Openart Lausitz, Bienale, lauchhammer, Illustration

Noch ist nichts verloren.

Matrosenhunde unterwegs in Lauchhammer und der Niederlausitz.

Wir sind wieder auf Tour aka auf Recherche-Reise durch die Lausitz rund um Lauchhammer für unsere Ausstellung im Rahmen der Openart Lausitz Biennale. Was wir entdecken, schreiben wir gesondert auf. Hier gibt es Mini-Listen:

Tag 1

Das war gut:

  • Das schöne Auto ist gut gefahren (immer bisschen aufregend, das Auto ist 34 Jahre alt und Autojahre sind Hundejahre oder so ähnlich).
  • Die Vermieterin war freundlich und wir haben eine Terrasse mit Gartenzugeng.
  • Es roch sehr gut nach Sommer und Blüten und Regen und Heu.
  • Wir haben poetisch Döner im Schlosspark ohne Schloss gegessen.
  • Wir konnten unter einem Mini-Bahnwärterhäuschen der Mini-Schlossparkbahn das Gewitter abwettern und trocken bleiben.
  • Dann sind wir durch hohes Gras gelaufen, weil wir zuweilen ein bisschen dumm sind, wir hatten dann sehr nasse Beine, aber auch Glücksgefühle.
  • Wir hatten alberne Attacken einfach so.
  • Wir haben neue Wörter für Scrabble (z.B.: Braunkohleveredelungsanlagen).
  • Wir haben Damwild angeguckt.
  • Wir haben das spektakulärste Abendlicht des Jahres bestaunt 3 Stunden lang.

Das war doof:

  • Wir mussten 2,5 Stunden konzentriert Autofahren zwischen wahnwitzigen Neuköllnern und Baustellen-Autobahnen, Elefentanrennen und Regen.
  • Wir haben gruselige Leute gesehen (haben leider auch einen Hang dazu, nachts in besonders abgelegene Gegenden zu spazieren).
  • Wir haben uns die Wahlergebnisse der letzten Bundestagswahl für Lauchhammer zu Gemüte geführt (nicht so gut fürs Gemüt).

Pläne:

  • Fahrräder abholen.
  • Am Sandstrand baden gehen.
  • Ein Softeis essen.
  • In ein Gasthaus gehen (bald).

Tag 2

Das war gut:

  • Ein Matrosenhund ist gejoggt.
  • Wir haben lecker gefrühstückt mit extra Kaffee.
  • Wir haben Leihräder abgeholt und sind viel rumgedüst.
  • Wir sind an wogend-weichen Kornfeldern vorbeigeradelt.
  • Wir haben Störche gesehen und einen Greifvogel und Enten und Schafe und Kühe und Pferde und Herdenschutzhunde und keinen Wolf.
  • Wir waren im See schwimmen, trotz Regen und Wolken und Kühle.
  • Wir haben unsere Herzen mal wieder an Leerstand verloren.
  • Wir haben uns Skyr mit Nektarinen und frischen Beeren als Dessert kredenzt.
  • Ein Typ mit wildem Haar und Piercing auf dem Fahrrad hat uns freundlich zugenickt.
  • Wir haben gezeichnet und geschrieben.

Das war doof:

  • Wir haben die Erdbeeren im Lidl am Rand des Kassenbands vergessen (wo wir sie extra hingestellt haben, damit sie zuletzt aufs Band kommen) und jetzt hatten wir kein Erdbeerdessert.
  • Wir wurden sehr oft fast überfahren von biestigen Männern in Autos und LKWs.
  • Es hat geregnet.
  • Dann hat es immer noch geregnet.
  • Dann hat es schon wieder geregnet.
  • Und es war grau grau grau.
  • Wir haben gefroren und hatten Sand in den Socken.
  • Fast alle Menschen, die wir gesehen haben, haben böse geguckt, böse und undankbar.

Pläne:

  • Die Förderbrücke besichtigen.
  • Heimlich das Auto saugen mit dem Ferienwohnungs-Akkustaubsauger.
  • Sonnen an der Senftenberger Seenkette (hm, naja, Sonne?
  • Im Naturschutzgebiet in Mondlandschaft wandern (bald).
  • In ein Gasthaus gehen (bald).

Tag 3

Das war gut:

  • Wir hatten eine wholesome Führung auf der Förderbrücke F60 (eine der größten beweglichen Arbeitsmaschinen der Welt) mit Sonne, Anekdoten und kleiner Poesie (»Es hat geklappert, gequietscht, gerüttelt und geschüttelt.« / »Das Gerät ist sensibel.«)
  • Wir haben neue spannende Daten & Fakten gesammelt, zum Beispiel dass sich die Förderbrücke um 28 cm ausdehnt zwischen Winter und Sommer und dass sie sich, wenn man den Fluchtgeschwindigkei Knopf drückte, mit wilden 13 m pro Minute bewegen konnte.
  • Wir haben was über Arbeit gelernt, über eine Maschine, die 365 Tage im Jahr 24/7 lief bei Wind und Wetter, dass es »keine Pause« gab, aber männliche und weibliche Kumpel und eine mobile Küchenfrau mit Kaffee, Bockwurst und Soljanka, dass nichts dem Zufall überlassen wurde und es für jedes System ein mechanisches Backup gab und ein menschliches dazu.
  • Wir durften ganz allein den stürmischsten Regen im Videoraum verbringen und einen Film über die Geschichte des Bergwerks gucken, über abgebaggerte und gerettete Dörfer, über Ehre, über die »Besatzung der F60«, über den letzten Tag des Bergwerks, über Offroad-Geländetouren mit Jeeps und Quads und Abseilspaß aus 80 m Höhe.
  • Es hat auf dem Rückweg nicht sofort wieder geregnet, sondern erst nach 20 Minuten Fahrradfahrt.
  • Wir haben draußen gegessen mit umgewickelter Decke, weil das unser Sport ist, niemals den Küchentisch zu benutzen im Juni.
  • Es gab Erdbeerdessert.

Das war doof:

  • Es gab nur Gaslighting-Fahrradwege, keine echten.
  • Wir mussten sehr oft auf Straßen radeln, auf denen wir mit 120km/h viel zu dicht überholt wurden.
  • Sehr viele Achtung-Lebensgefahr-Warnschilder haben uns ständig gewarnt und jede kleine Erkundung verhindert.
  • Wir wurden sehr durchgerüttelt auf den Schotterwegen (»Tourismus-Eldorado«).
  • Ein Schild stand falsch, also wussten wir nicht, ob Lebensgefahr oder nicht, dann haben wir Mülleimer gesehen, die aber keine Mülleimer waren, sondern Zugänge zu Brom-Leitungen, also möglicherweise schon wieder Gefahr.
  • Es war immer nass. Auch dann, wenn es kurz nicht geregnet hat.
  • Es hat fast immer geregnet und es war sehr kalt.
  • Manchmal wurden wir vom Wind in die Mitte der Straße geweht.

Pläne:

  • Ankommen und eine Tür zumachen.
  • In ein Gasthaus gehen (bald).

Tag 4

Das war gut:

  • Wir haben uns den ganzen Tag lang nicht beeilt.
  • Wir haben einen kleinen Autoausflug gemacht und sind nach Werenzhain zum Atelierhof Werenzhain gefahren.
  • Dort sind wir sehr idyllisch zwischen duftenden Feldern spaziert, mit Mohn und Kornblumen und wilder Kamille, mit Greifvögeln und Storch und SONNE im Gesicht, während die Pappeln rauschten.
  • Wir haben leckere Limo getrunken und Kuchen geschmaust.
  • Und wurde fürsorglich ein Tisch trocken gewischt und Kissen auf die noch vom Regen feuchten Klappstühle gelegt.
  • Wir haben gesehen, wie ein Schaf gebracht wurde, dass sich jetzt hier erholt vom Bock (seinem eigenen Sohn).
  • Wir wurden durch Haus, Scheune, Ställe und Garten geführt, haben Kunst geguckt und Geschichten erzählt bekommen.
  • Alles war ganz allerliebst an diesem guten Ort und wir sind innerlich erbaut wieder zurückgefahren durch AbendLICHT.
  • Wir haben ein Erdbeerdessert gegessen.

Das war doof:

  • Es hat den ganzen Vormittag gestürmt und geregnet und wir konnten auch mit viel gutem Willen nicht auf der Terrasse brunchen.
  • Wir waren aus unterschiedlichen Gründen sehr müde und erschöpft und auch ein bisschen sorgenvoll.
  • Wir hatten sehr dicke, lästig schwere Rucksäcke mit allerlei Kleidungsstücken, von denen wir aber zuverlässig immer gerade das falsche anhatten, weil Wetter.

Pläne:

  • Menschen zum Dinner einladen bei unserer Ausstellung (kommt kommt!).
  • In der Plattenbausiedlung rumgurken.
  • Die Sanddünen angucken (vielleicht).

Tag 5

Das war gut:

  • Es hat heute Nachmittag gar nicht geregnet und am Abend auch nicht!
  • Zwischendurch haben wir sogar die Sonne gesehen.
  • Wir haben einen kleinen Ausflug zu den Plessaer Sanddünen gemacht und im weichen Sand sitzend Brote und Äpfel und Schokolade gepicknickt.
  • Wir haben im Wald mit dem Akkustaubsauger das Auto gesaugt und die Schmutzmatten an Kiefernstämmen ausgeklopft; es war äußerst befriedigend und ziemlich absurd und eine Performance für niemanden.
  • Wir konnten Spaghetti mit Zucchini endlich wieder draußen essen.
  • Wir haben gepackt und Müll rausgebracht und ge-meal-preppt und auch diese Arbeit war sehr angenehm beruhigend.
  • Wir haben den Rest der Vorräte gerecht unter uns aufgeteilt.
  • Wir haben gezeichnet und geschrieben, das indirekte Licht angemacht und Apsilon gehört.

Das war doof:

  • Wir waren innerlich latent ruhelos und auch erschöpft.
  • Google Maps hat uns mehrmals auf verbotene Wege geschickt und dann mussten wir wieder rückwärts fahren und uns wundern.
  • Im Wald war es auch ein bisschen gruselig und wir haben vorsorglich gegoogelt, wie man sich verhält, wenn man einem Wolf begegnet (Servicehinweis: Defensiv, langsam rückwärts gehen, wenn er trotzdem kommt, in die Hände klatschen und »Hau ab« rufen, vermutlich kann man aber rufen, was man will.)
  • Wir hatten kurz Angst, ersch0ssen zu werden, aber es war nur der Softairschützenverein am Waldrand.
  • Wir haben einen kleinen Teich gesehen, der rostig rot war und lebensfeindlich, weil Kohleabbau eben auch alles kaputt macht.
  • Das WLAN mochte nicht so, wie wir.

Pläne:

  • Die Fahrräder zurückgeben.
  • Weil wir hier keine fancy Präsente für die Kinder kaufen konnten, morgen bei Netto gemischte Süßigkeitentüten zusammenstellen als Mitbringsel.
  • »Straße fressen wie Spaghetti«, wie Sven Regener mal gesagt hat und dann wieder ohne Akklimatisierungsmoment zurückpurzeln in unsere Berliner Leben mit Kunst und Erwerb und Care und Haushalt und urbanem Wahnsinn.

Postkarten

Eine Edition von 8 Postkarten wird von den Kunstfreunden Pritzwalk anlässlich der Lesungen herausgegeben.

Karte

»Noch ist nichts verloren – Matrosenhunde unterwegs in Lauchhammer und der Lausitz«

Auf unserer Karte verorten wir  Highlights um die Openart Lausitz Biennale herum: 
✏︎ Fahrradfahren und nur halb sterben
✏︎ Förderbrücken besteigen
✏︎ vor Herdenhunden davonradeln 
✏︎ im Nieselregen baden gehen
✏︎Kunst & Performance gucken

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